Ein Empfang wie unter alten Freunden
Nach 150 Jahren erster Besuch bei den Nachkommen der Auswanderer
HOHNHORST. Wir haben berichtet, dass eine Delegation nach Crete
gefahren ist, dem Städtchen "Kreta" in Illinois
(USA), dessen Einwohner großenteils von Auswanderern aus
dem Schaumburger Land südlich des Steinhuder Meers abstammen.
Unser Berichterstatter war dabei. Er erzählt:
"Auf einem Netz von breiten Autobahnen durchqueren wir die
endlosen Industrievororte von Chicago, um von der Stadt Schaumburg
im Nordwesten nach Crete im Südosten der Metropole zu gelangen.
Das kostet uns im Vormittagsverkehr fast zwei Stunden, natürlich
auch, weil wir uns mal verfahren. Jedenfalls Zeit genug für
Dr. Stephan Walter, uns das Zustandekommen des Kontakts zu erklären.
Wer hätte wohl je von Crete erfahren? Da flatterte dem 1.
Vorsitzenden der Schaumburger Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft
die englischsprachige Schrift "Landsmann" auf den Tisch,
herausgegeben von einem Howard Piepenbrink in Virginia. Sein Vorfahr
Johann kam mit 300 Dollar in der Hand aus Ohndorf; die heutige
Publikation will bei der Erforschung der Ahnentafeln und der Geschichte
von deutschen Siedlern bei Chicago helfen. Im Nu war die Verbindung
hergestellt, und zwar zu seinem Vetter Tim Piepenbrink in Crete.
Natürlich werden wir schon erwartet. Und wie! Ein großes
Empfangskomitee hat getreulich im Ratssaal ausgeharrt, bis wir
verspätet eintreffen. ´Durch Zeit und Entfernung getrennt,
doch nicht im Geist´ überschreibt Tim Piepenbrink das
historische Treffen. Besuchermappen mit Literatur sind vorbereitet,
Heimatforscherin Carol Triebold hält uns einen interessanten
Vortrag über die deutschen Einwanderer und die Geschichte
von Crete. Es berührt einen doch, wenn man da mitten in Nordamerika
solche Daten hört: Wilhelm Rinne, geb. 19. 2. 1797 in Reinsdorf,
Hof Nr. 2, war der erste Deutsche, der hier auf der Prärie
erschien. Crete wurde 1836 gegründet. Gegenüber zeigt
man die einst stolze zweistöckige Villa, die Rinnes Nachfahren
vierzig Jahre später gebaut haben.
Die Gastgeber haben Geschenke vorbereitet, Stadtfahne und Bücher.
Dr. Stephan Walter bedankt sich mit Gegengaben und der Feststellung:
Unsere Geschichte ist auch eure Geschichte. Er erzählt, was
man hier bei uns über die Auswanderer und ihre Motive weiß.
Natürlich wären nun Gegenbesuche in Deutschland die
Krönung des neuen Kontakts, die Einladung dazu ergeht.
Beim
gemeinsamen Lunch hören wir fesselnde Geschichten: Was von
der endlosen Seereise überliefert ist, wie manche Auswanderer
erst in New York hängen blieben, um ein paar Dollar für
die Weiterreise zu verdienen. Wie es über die Großen
Seen nach Chicago weiterging. Einer hatte 2000 Dollar Erbteil
mitgebracht, andere mussten im Gelobten Land erst beim Kanalbau
arbeiten. Die Siedler behalfen sich auf ihren Großparzellen
fünf Jahre lang mit notdürftigen Erdbehausungen, bis
sie ihr Wohnhaus bauen konnten. Nicht alle wollten Farmer sein
und bleiben. Wilhelm Rinne wurde Ziegeleibesitzer, der Sohn von
Johann Diersen aus Feggendorf hatte das größte Eisenwarengeschäft,
eine Familie Hartmann aus Horsten stellte Postmeister und Hotelier.
Für alle zusammen galt: Sie mussten hart ran, brachten es
aber auch zu etwas. 700 Morgen Land und 100 Kühe, erzählt
einer am Tisch von seiner Familie.
Kein Wunder, dass an den älteren Backsteingebäuden längs
der Hauptstraße (die später zur Fernstraße 1
von Chicago nach Florida wurde) Namen wie Seggebruch und Seehausen
eingemeißelt sind. Mit den historischen Häusern hat
man übrigens dieselbe Not wie bei uns, sie müssen renoviert
und zeitgemäß nutzbar gemacht werden. Wir staunen über
die schneeweiße Holzkirche von 1866, deren Turm ein wenig
an Hohnhorst erinnert, und blättern in den frühen deutschen
Kirchenbüchern. Alte Gräber mit vertrauten Namen sind
intakt erhalten. Man zeigt uns auch Hochmodernes: wundervolle
Wohnviertel, eine gewaltige Pferderennbahn und schließlich
die Lutheran High School. Bei deren Besichtigung verfolgt unsere
Delegation gleich den Wunsch, einen Schüleraustausch zuwege
zu bringen. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht.
Ein Abendessen im lutherischen Gemeindehaus beendet das reiche
Programm dieses Tages. Das Tischgebet können sie noch auf
Deutsch, auch wenn nicht alle den Sinn jedes Wortes erfassen.
Herzlicher Abschied, wir kommen wieder! Ins Auto, zurück
nach Schaumburg-Illinois, Autobahnausfahrt 290, Biesterfield Road.
Alles schon beinahe vertraut!
Wochenblatt vom 29.11.06 /
Foto und Text: Walter Münstermann